Leseprobe aus "Der Urlaub der Sünde"
1. Kapitel
„Willst du mich verarschen, Leander Markowski?“
„Hm.“, machte Lee. „Ich hatte schon damit gerechnet, dass du eventuell nicht ganz so erfreut darauf reagieren würdest.“
„Nicht ganz so erfreut?“, echote Nell. „Nicht ganz so erfreut? Sag mal, hast du noch alle Latten am Zaun? Darf ich dich dran erinnern, was du mich gefragt hast? >Urlaub auf Ibiza. Ich bezahle. Hast du Bock, Nell?< und ich sagte >Ja.<“
„Es ist doch auch genauso.“
„Ach was!“, rief sie sarkastisch. „Abgesehen davon, dass du mir die Kleinigkeit verschwiegen hast, dass das hier ein Swingerurlaub ist. Die Finca ist eine umgebaute Bumsbude! Habe ich noch irgendwas vergessen?“
Lee druckste herum. Sie kniff die Augen zusammen.
„Was?“
„Ähm … es könnte eventuell sein, dass das auch alles gefilmt wird.“
„Was?“, Nell weitete vor Schreck die Augen. „Wie bitte? Was?“
Er schluckte. „Naja, Joel hatte die Idee. Der Veranstalter. Er dreht Pornos von Beruf. Und er hatte die Idee einen Urlaub mit Amateurfilmen zu verbinden. Aber nicht für die Öffentlichkeit. Das ist alles nur für uns.“
„Wow. Na großartig.“
„Und … ähm …“
„Und ähm was?“
„Er ist ein bisschen ausgeflippt. Der klassische Künstler. Manchmal stellt er uns Aufgaben, die wir dann erfüllen müssen.“
„Was für Aufgaben?“
„Als ich das erste Mal hier war, musste zum Beispiel jeder seinen Fetisch aufzeigen. Und es gab mal einen Blowjob-Wettbewerb.“
„Klingt nach einem echten Helden.“
Nell setzte sich auf ihr Bett und betrachtete das Zimmer. Sie waren erst vor einer Stunde angekommen. Nell war begeistert gewesen. Die moderne Finca war schick und luxuriös eingerichtet. Ein älteres Paar war gleichzeitig mit ihnen eingetroffen. Sie nannten sich Melody und Jamal und hatten auf sie sehr nett gewirkt. Lee hatte ihr schon gesagt, dass sie mit dreiundzwanzig Jahren die jüngste sein würde. Jetzt wusste sie auch warum. Ein Großteil der Swinger waren im Allgemein älter als dreißig. Doch sie hatte sich nichts dabei gedacht, war auf ihr Zimmer gegangen, hatte ausgepackt … und dann war Lee auch schon mit der Nachricht gekommen.
Die Sache war, dass sie Lee nicht besonders gut kannte. Sie hatten sich erst vor zwei Wochen im Supermarkt kennengelernt. Nell hatte aus Versehen nach der fettfreien Milch gegriffen und Lee war ihr entsetzt hinterher gerannt und gesagt, er könne nicht verantworten, dass sie sich ihr Müsli damit versaute. Sie war sofort von ihm gefesselt gewesen. Lee war schon Anfang vierzig. Fast zwanzig Jahre älter als sie, mit einer unglaublichen Ausstrahlung. Ein bisschen wie ein blonder Cowboy mit strahlenden blauen Augen, einem charismatischen Lächeln und einer sportlichen Figur. Doch Nell war ein zurückhaltender Mensch. Sie schaffte es nicht nach seiner Nummer zu fragen, aber das war auch nicht nötig. Später trafen sie sich zufällig vor einem Eiscafé wieder, sie ließ sich von ihm zu einem Kaffee überreden und kam ins Plaudern. Nell verstand nicht so ganz, was da zwischen ihnen abging.
Sie fand ihn unglaublich attraktiv, fühlte sich von ihm angezogen … aber mehr auch nicht. Sie fühlte, dass sie sich ihm gegenüber öffnen konnte und bald schon drehte sich das Gespräch um Sex. Er gab ihr seine Nummer, sie unterhielten sich ein wenig per Nachrichten miteinander und dann hatte er sie vorgestern gefragt, ob sie mit ihm in den Urlaub wollte, das seine Reisebegleitung krank geworden war. Und jetzt waren sie hier. In dieser unglaublichen Situation.
„Du musst dabei nicht mitmachen!“, erklärte Lee. „Wirklich. Du kennst das Motto. >Alles kann, nichts muss.< Hier wird dich niemand zu was zwingen. Du kannst einen ganz normalen Urlaub hier verbringen, auf meine Kosten und musst nicht zu Hause an deine Situation denken. Ist das nichts?“
Nell presste die Lippen aufeinander. Lee stieß sie in die Schulter.
„Komm – jetzt sei nicht so! In dieser Finca haben nur auffallend mehr Leute Sex miteinander als in einer normalen Finca. Und du musst es dir nicht mal ansehen.“
„Na gut.“, sie zuckte mit den Schultern. Im Prinzip hatte er recht. „Warum hast du es mir nicht einfach vorher gesagt?“
„Du hättest vielleicht nein gesagt und so schnell konnte ich niemand anderen finden.“
„Oh Gott. Ausgerechnet ich.“
„Warum? Du gehst doch selbst in Swingerclubs.“
„Einmal!“, sagte sie erschrocken. „Und ich bin wieder nach einer Stunde gegangen, weil mir das alles too much war.“
„Aber du interessierst dich doch für diese Szene.“
„Das heißt doch nicht, dass ich gleich einen All-inclusive-Urlaub darin buchen muss. Der auch noch gefilmt wird mit perversen Aufgaben.“
„Okay. Tut mir leid, war eine miese Masche von mir.“, dann legte Lee den Kopf schief und sah sie verschmitzt an. „Ich habe ehrlich gesagt noch einen weiteren egoistischen Grund. Ich dachte, so würden wir beide die Gelegenheit bekommen, uns näher kennenzulernen. Na, ist das nichts? Die Aussicht darauf, eine Woche mit meiner fantastischen Persönlichkeit zu verbringen?“
Nell musste wieder lachen. So war das mit Lee. Er hatte so ein entwaffnendes Lächeln, dass man ihm einfach nicht böse sein konnte.
Dann hielt er seine Hand auf. „Her mit deinem Handy.“
„Warum?“
„Du bist hier im Urlaub und ich habe keine Lust, dass du ständig schaust, ob er wieder geschrieben hat.“
„Aber vielleicht schreibt er mir ja doch!“
„Dann lässt du ihn gefälligst warten! Bei deinem Oliver hackt es doch – eine Frau wie dich lässt man nicht warten!“
„Er ist nicht mein Oliver.“, sagte sie. Doch bei dem Gedanken an ihn, bekam sie physische Schmerzen. Oliver war viel mehr. Ihr bester Freund. Ihr Bruder im Geiste. Nachdem sie mit ihrer Familie gebrochen hatte, war er der einzige gewesen, der weiterhin für sie da war.
Aber jetzt nicht mehr … Ihr Leben war zusammengebrochen. Ein Scherbenhaufen. Und Oliver interessierte es nicht, was es nur noch schlimmer machte.
Sie schluckte mit dem schrecklichen Gedanken.
„Hier wirst du genügend Ablenkung finden.“, versprach Lee. „Und vielleicht kannst du ein paar Dinge von deiner Sexwunschliste abhaken.“
Ach ja, die Sexwunschliste. Bei ihrem letzten Treffen hatten sie die aufgestellt und es hatte richtig Spaß gemacht. Da ihr erstes Mal im Swingerclub nicht besonders gut gelaufen war, hatte Lee vorgeschlagen, dass sie zusammen hingehen sollten. Aber so wie jetzt hatte sie es sich nicht vorgestellt.
Nell liebte Sex. Sie stand auf Männer, sowie auf Frauen.
Doch ihre Familie war konservativ und hatte feste Regeln. Dass Nell Kfz-Mechanikern war, war ihnen ein Dorn im Auge. Sobald sie achtzehn geworden war, war sie ausgezogen, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Doch die Sache war folgende: Nell hatte zwar diese ganzen Wünsche, doch sie war keine Draufgängerin. Das war eines ihrer Probleme. Sex ja. Menschliche Kommunikation – igitt. Sie war gerne eine Einzelgängerin. Schließlich war sie ansonsten von den Menschen um sich herum immer nur verarscht, verlassen oder unterdrückt worden. Freundschaften lohnten sich nicht, abgesehen von der zu Oliver. Was hatte also jemand wie sie hier zu suchen?
Lee ging in sein Zimmer nebenan zurück und Nell beschloss, die Finca zu erkunden. Heute war Anreisetag, also würde sie hoffentlich niemanden beim vögeln erwischen.
Wie war Lee bloß auf die Idee gekommen, sie mitzunehmen? Besser gesagt: Wie kam dieser Joel nur dazu sowas zu veranstalten? Bestimmt war das ein richtig ekliger Typ. Ein alternder Mitsechziger mit Halbglatze, Brille, Bierbauch, der in Wirklichkeit Joseph hieß und nur filmte, weil er ansonsten keine abbekam.
Sie schlenderte durch die obere Etage. Der Teppichboden verschluckte ihre Schritte. Die Finca war wunderschön eingerichtet, wie ein kleines Vier-Sterne-Hotel. Sie war zuvor noch nie im Ausland gewesen. Da erwies sich Ibiza als echte Weltreise. Die letzten Jahre hatte sie das Geld für andere Dinge sparen müssen und wenn Geld da war, hatte sie niemanden zum verreisen gehabt. Denn Oliver zog es immer vor, mit seinen Freundinnen zu verreisen und die meisten kapierten einfach nicht, dass zwischen ihnen nichts sexuelles lief. Sie waren eher wie geschwisterliche Rivalen. Es war schon manches Mal vorgekommen, dass Nell nicht auf seine Freundin, sondern auf ihn selbst eifersüchtig gewesen war, weil seine Freundinnen immer so hübsch waren und sie nicht den Mut aufbrachte, sie vor ihm anzusprechen. Aber das war auch nun vorbei. Oliver verabscheute sie, genauso wie der Rest ihres Stadtteils in Offenbach, wo sie beide wohnten. Vielleicht war sie hier gut aufgehoben. Nichts und niemand vermisste sie in Hessen. Sie sollte versuchen, an diesem Ort hier abzuschalten. Das hieß, wenn der eklige Regisseur sie auch in Ruhe ließ, wie es Lee versprochen hatte.
„Hey, Mäuschen – kann man dir helfen? Hast du dich verlaufen?“, ertönte eine Stimme hinter ihr und in Nell schlug sofort der Zorn hoch. Ohne sich umzudrehen sagte sie: „Erstens bin ich kein Mäuschen. Zweitens habe ich mich nicht verlaufen.“
„Und drittens?“, fragte die Stimme hinter ihr weiter.
„Und drittens …“, Nell drehte sich um, vergaß aber völlig, was sie sagen wollte. Sie hatte einen viel älteren Mann erwartet, doch derjenige, der ihr nun gegenüberstand war höchstens Ende zwanzig. Er hatte sich mehrere Tage nicht rasiert und zum Friseur könnte er auch mal wieder gehen. Seine dunkelbraunen Haare wucherten vor sich her. Er trug auch keine stylischen Klamotten, sondern ein schwarzes T-Shirt und eine blaue Arbeitshose, als würde er direkt in einer Fabrik arbeiten. Genauso wie Nell. Das gefiel ihr. Seine grauen Augen sahen sie erwartungsvoll an.
„Und drittens gehöre ich zu Lee.“, beschloss sie zu antworten.
„Ah.“, der Mann nickte. „Du bist der Ersatz für seine eigentliche Begleitung. Eleonore van Dalen, richtig?“
„Nell.“
„Nelly, wie schön dich kennenzulernen. Ich bin Joel.“
„Du bist Joel?“, fragte sie verblüfft.
„Ja. Joseph Winkelmayer, wenn du es genau wissen willst. Joel ist mein Künstlername.“, erklärte er. Sie war baff. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie waren ja fast gleich alt!
„Du … Bist so jung.“, sagte sie. „Ich hatte jemand älteren erwartet, als ich hörte, dass du Pornoregisseur bist.“
Er lachte auf. „Ach, bestimmt so einen alten, ekelhaften Mann mit Bierbauch, richtig? Hast du immer solche Vorurteile, Nelly?“
„Nein. Nell, nicht Nelly.“, berichtigte sie ihn und in Joels Augen blitzte es. Unweigerlich spürte Nell, wie eine Art Kampf zwischen ihnen begonnen hatte. Obwohl sie noch keine Minute mit ihm gesprochen hatte wusste sie: Der Mann suchte ständig Ärger.
„Du kommst aus Offenbach sagte Lee, richtig?“, fragte er und klang lauernd. Sie nickte.
„Naja. Was erwarte ich auch von einer Offenbacherin?“
Sie schnappte empört nach Luft. „Entschuldige mal! Wer hat denn hier seine Vorurteile?“
„Wenigstens habe ich meinen Führerschein nicht kaufen müssen.“
„Oh, ja. Wie witzig!“, rief sie sarkastisch. „Alle Offenbacher können kein Auto fahren. Wenn du mich abfucken willst, such dir gefälligst einen neuen Witz aus, aber ich konnte schon Auto fahren, als du nicht mal drei Haare am Sack hattest und wenn ich dich so ansehe, ist das wohl heute noch der Fall.“
„Oh, wir kratzen dem anderen aber schnell die Augen aus, was? Aber Nelly klingt für mich auch eher nach einem Katzennamen.“
Während Nell überlegte, was sie darauf kontern konnte, sah sie ihm in die Augen. Und dann merkte sie, dass sie beide einfach nur so dastanden und sich weiterhin anstarrten. Sie schluckte, konnte aber nicht wegsehen. Zwischen ihnen entstand eine Anziehungskraft. Sie besagte: Ich will dich. Du willst mich. Wir wissen es beide.
Sie war verwirrt.
Jetzt schon?
Ging das so schnell?
Joel räusperte sich und sie fuhr zusammen. Nein, das war bestimmt Einbildung. Vermutlich flirtete er mit jeder Frau.
„Lee hat mir erzählt, du bist noch Anfängerin beim Swingen.“, sagte er und lächelte sie an. Aber auf Nell wirkte dieses Lächeln äußerst sadistisch und psychopathisch. „Ich wollte dir nochmal sagen, dass du dir keine Gedanken machen musst. Du bist hier zu absolut nichts verpflichtet. Und solltest du mal aus Versehen von einer Kamera gefilmt werden, würden wir dein Gesicht natürlich verpixeln.“
„Wie nett von dir.“, sagte sie sarkastisch.
„Soll ich dir hier alles zeigen?“
„Nein, danke. Wir sehen uns noch.“
„Okay?“, Joel war offensichtlich verblüfft. Nell ging erhobenen Hauptes davon. Sie war stolz darauf, niemanden zu brauchen. Sie war vielleicht keine Draufgängerin, aber sie meisterte ihr Leben alleine. Sie brauchte nichts und niemanden! Und ihr gefiel das Wissen, dass Joel ihr gerade hinterher starrte.
Ende der Leseprobe
Vielen Dank fürs Lesen.
Die vollständige Geschichte von Nell und Joel findest du in:
